Wie google ich mir meinen Traummann?
Handys erleichtern das Miteinander. Als schnelles, einfaches, ebenso knappbemessenes wie unaufdringliches Medium hat die sms ihren Siegeszug angetreten. Doch mitunter können 160 Zeichen ein PingPong der Synapsen in Gang setzen.

Eine Kurzmitteilung empfangen - doch, von wem?
Am Freitagabend erhielt ich eine sms eines mir unbekannten Absenders. Das heißt, allem Anschein nach war mir der Absender nicht tatsächlich unbekannt, denn irritierenderweise handelte es sich um eine in meinem Handy eingespeicherte Nummer, vollständig mit Vor- und Nachnamen versehen. Doch welche Person sich hinter diesem Namen verbarg, entzog sich gänzlich meinem Erinnerungsvermögen.
Ein erster Anflug von Alzheimer? Ein Autosave-Fehler in meinen Synapsen? Akribisch ging ich alle Parties der vergangenen Wochen durch, die neuen Arbeitskollegen und die Interviewpartner des Monats. In meinem Kopf, völlige Leere. Kein Gesicht leuchtete auf meiner Festplatte auf.
Vorsichtshalber ließ ich die Nachricht zunächst unbeantwortet. Am nächsten Morgen stieß ich in einer abgelegenen Ecke meines Gehirns auf einen Namensvetter des Schreibers, schon wollte ich eine flüchtige Aufklärungs-sms schreiben, doch nach der flugs durchgeführten Recherche am Mittag erwies sich der Familienname des Kandidaten nicht als deckungsgleich mit dem des Schreibers.
Ich muss gestehen, dass ich mit Namen mitunter meine Probleme habe, aber dass mir jemand so völlig entfällt und keinerlei Spuren außer der digitalen auf meinem Handy hinterlässt, das gibt mir doch zu denken. Habe ich meine zerebralen Speicherkapazitäten schon dermaßen in die virtuelle Welt outgesourct? Ich bin zwar recht liberal eingestellt, aber jeder dahergelaufenen Straßenbekanntschaft, mit der ich mal in der S-Bahn über die BVG geschimpft habe, gebe ich nun auch nicht meine Handy-Nummer.
Nun halten Frauen wie ich, die unter normalen Umständen nicht allabendlich mit einem anderen Mann anbändeln und deshalb für gewöhnlich auch nicht mit solchen Erinnerungsproblemen konfrontiert sind, es demgemäß für äußerst unhöflich, einer neuen Bekanntschaft auf eine freundliche Anfrage nach einem Treffen zunächst mit der Frage: “Sorry, wer bist Du eigentlich?” zu antworten. - Im umgekehrten Fall könnte ich jedenfalls durchaus empfindlich darauf reagieren.
Aber zu antworten, ohne zu wissen, ob es sich bei dem Schreiber um einen attraktiven Flirtpartner, einen potentiellen Arbeitgeber oder den etwas anhänglichen Bekannten einer Freundin handelte, kann leicht nach hinten losgehen. Nicht auszudenken auch die unangenehme Situation, sollte es zu einer Verabredung kommen, gar nicht zu wissen, nach wem man in der Kneipe Ausschau halten soll.
Was tun in derartigen Fällen? Man nutzt die umfassenden Dienste einer bekannten Suchmaschine. Nun gibt es Namen, die hier zu mehr Erfolg führen als andere. Klingende dreisilbige von und zu Namen in eleganten Kombinationen spuckt Google innerhalb von Sekunden meist zielsicher samt Biografie, Foto, Werdegang und Publikationsliste wieder aus. All diejenigen jedoch, die Christian Schmidt oder Michael Müller heißen und früher stets über ihre Namen klagten, weil sie es damit kaum zu Ruhm und Ehren würden bringen können, und die als Alleinstellungsmerkmal pedantisch auf bestimmten Schreibweisen beharrten oder sich phantasiereiche Doppelnamen zulegten, tummeln sich nun in gnädiger Anonymität durchs Netz. Sie genießen heute eine Narrenfreiheit, die kaum zu überbieten ist. In Zeiten von Web 2.0 und Vorratsdatenspeicherung nämlich garantieren diese Namen den unschätzbaren Wert der Pluralität.
Nun hieß der sms-Schreiber vom Freitag Abend weder Christian Schmidt noch Martin Müller, noch hatte er einen wohlklingenden Dreisilber zum Namen. Doch warf meine Recherche auch hier mehr neue Fragen auf als sie zu klären vermochte.
Wo und bei welcher Gelegenheit könnte ich einem Geowissenschaftler aus Mainz begegnet sein? Habe ich, ohne dass er einen tieferen Eindruck hinterlassen hätte, einen Kassenwart der CDU Rosbach kennengelernt? Könnte mich der Leiter des Institutes für Biotechnologie in Mannheim für die Herstellung und Charakterisierung eines Riboflavin-Transporters begeistert haben? Habe ich, ohne zu wissen, wo Freising liegt, jemanden getroffen, der dort 1990 Abitur gemacht hat? Oder könnte mich ein gewisser Mann auf einen Drink eingeladen haben, der, 1789 in Norderney, Ostfriesland, Preussen geboren wurde und nun aus dem Jenseits postet?
Wenn ich hingegen all jene verschmähe, bleibt mir schließlich noch die Wahl zwischen dem Leiter des “Bereiches Psychisch Behinderte Menschen” des Pfalzklinikums für Psychiatrie und Neurologie oder einem künstlerischen Betreiber von “Peep Ateliers”. Ich frage mich, wann die fleißigen Innovationstechnologen von Google in ihrer grenzenlosen Kreativität ein neues Tool einführen: Wie google ich mir meinen Traummann? Geschüttelt bitte, nicht gerührt. In jedem Fall müssten die Wörter “Wiesenglanz”, “perliger Rotwein” und “objet trouvé d’hiver” darin vorkommen.