Waste Land? Die Berlinale 2010 und ihr Statement
Die diesjährige Berlinale kapriziert sich in der Kosslick-Tradition auf sozialpolitische Thesenfilme der aktuellen lokalen wie globalen Lebenswelt. 2001 war Dieter Kosslick mit dem Ziel als Leiter der Berlinale angetreten, diese wieder mehr zu politisieren. Das ist ihm gelungen, auf Kosten des Staraufgebots und des ästhetischen (Unterhaltungs)Wertes der Filme. Doch zugleich ist die Berlinale 2010 ein Festival der leisen Töne und einer neuen politischen Innerlichkeit.
Die Berlinale 2010 zeigt sich als Festival der leisen, mitunter gar schwachen Töne, sozialpolitische Themen sind in den gezeigten Filmen oft auf die ganz persönliche Ebene hinuntergebrochen. Wir finden Einzelkämpfer, die sich in einer neuen ökonomischen Wettbewerbssituation ihren Weg suchen (Die Friseuse von Doris Dörrie, Der Räuber von Benjamin Heisenberg, Father of Invention von Trent Cooper), wir finden Migrationsgeschichten, die sich einfachen Erklärungsmustern und Polaritäten widersetzen (Shahada von Burhan Qurbani, Na Putu/On the Path von Jasmila Sbanic, Die Fremde von Feo Aladag).
Die Situation der Familie rückt wieder in den Fokus, weil sich hier Konflikte und Psychosen wie auch historische Ereignisse über das Miteinander der Generationen in einer Art Kammerspiel verarbeiten lassen. Doch Familie ist nicht nur die klassische (Klein-)Familie, sondern auch die Patchwork-Familie, vaterlose Kinder, einander wieder begegnende Brüder, verwaiste Großeltern, Wahlverwandtschaften, Transgender und gleichgeschlechtliche Beziehungen, Waisen als Opfer politischer Systeme, die ihre Vergangenheit mit sich tragen. Der schwul-lesbische Film ist auf der Berlinale nicht nur nach wie vor stark präsent, er ist sogar international so überpräsent, dass allein die Jury für den “Teddy” eine hinreichende Diskussionsgrundlage für die Vergabe des Preises hatte (Gewinner wurde der US-Film The Kids Are All Right von Lisa Cholodenko).
Das Einzelschicksal und das politische oder historische Geschehen treffen in den 2010 präsentierten Filmen aufeinander, die Regisseure heben die Grenze zwischen individueller Subjektivität und kollektiver Vergesellschaftung bzw. politischer Systeme auf. Das eine und das andere werden stark in- und miteinander verflochten, Empfindsamkeit ist auch politisch, lernen wir aus dieser Berlinale, und politische Systeme greifen tief in das private Erleben ein – ganz existenziell im Fall von kriegerischen Auseinandersetzungen oder diktatorischen Regimen oder auch nur indirekt, subtiler, durch Überwachung und Ausgrenzung, mediale (Vor)Verurteilung oder im Gegenteil durch Nicht-Thematisierung. Die globalen Konflikte spiegeln sich in den persönlichen Beziehungen wie Kriegsflugzeuge in einem Entenweiher, das führt uns die Berlinale 2010 vor, wenn auch kaum einer der Regisseure bildästhetisch gesprochen große Wagnisse einging. Selbst die Experimentalfilme wirkten in dieser Hinsicht eher fade (Double Tide/Die Muschelsammlerin von Sharon Lockhart, Fān shān/Crossing the Mountain von Yang Rui).
Anders als die großen Kracher von Quentin Tarantino, klassische Wir-retten-die-Welt Action oder Nazifilmgeschichtsklitterung (die es mit Jud Süß-Film ohne Gewissen dann doch auch gab), ist die Rebellion auf der Berlinale 2010 eine Couchpotato-Rebellion. Der Widerstand ereignet sich, wo überhaupt, auf dem Sofa wie in dem israelischen Panorama-Film Phobidilia von Doron und Yoav Paz, in dem sich der Protagonist der realen Außenwelt komplett verweigert und stattdessen lieber mit virtuellen Katzen und Cybersex durch das TV-Leben zappt, oder er ist, wie in dem argentinischen Wettbewerbsfilm Rompecabezas von Natalia Smirnoff, eine Puzzlemanie ungewissen Ausgangs als Mittel eines sanften Rückzugs aus dem hausmütterlichen Familienleben.
Viele Figuren sind ihrem Schicksal ausgeliefert und schauen dem Wandel der Zeiten mehr oder minder hilflos zu, wie der jüngere Bruder eines in der argentinischen Militärdiktatur “Verschwundenen” in Te extraño von Fabian Hofman erleben muss, wie die Abwesenheit die Kommunikation in der Familie zersetzt, sein Training zum Guerrillero im Exil nimmt er selbst nicht ernst. Wo sie in den Fokus der Öffentlichkeit geraten, werden die Protagonisten unschuldig und unfreiwillig zu Gejagten eines für sie unbegreiflichen Systems wie der verarmte indische Bauer in der Satire Peepli Live von Anusha Rizvi, der aus Not beschließt, durch Selbstmord seiner Familie durch eine versprochene Staatshilfe das Überleben zu sichern, oder der junge japanische Kurier in Goruden Suramba von Yoshihiro Nakamura, der nach einem Bombenattentat auf den Premierminister plötzlich im Fokus der geheimdienstlichen Ermittlungen steht (zwei Filme, die, nebenbei bemerkt, das Festival für mich gerettet haben, als ich schon meinte, in der völligen Festival-Depression zu versinken – und ¡Banksy! natürlich – Goruden Suramba ist im übrigen die japanische Aussprache des Beatles-Songs Golden Slumber, mit anderen Worte auch eine Spielart eines Exit through the Gift Shop).
Wo auf der Berlinale gemetzelt wird, schlachten keine tarantinischen Amokläufer in einem prometheischen Befreiungsakt gutgelaunt ihre Gegner ab, vielmehr sind die Kriegshelden entweder auf einen Torso reduzierte unausstehliche Antihelden wie in Koji Wakamatsus Caterpillar oder aber intellektuelle Verzweiflungstäter ohne Ausweg wie in dem rumänischen Portrait of the Fighter as a Young Man von Constantin Popescu, der unleugbar vor Augen führt, dass der Guerrillakampf bei Schnee und Dauerregen in den Karpaten auch kein Zuckerschlecken ist. Sollte es sie je gegeben haben, wird die Spaßgesellschaft hier endgültig zu Grabe getragen, denn Spaß machen nur die allerwenigsten Filme auf dieser Berlinale, die die Nuller-Jahre der Geschichte übergeben. Zwischen Urania und Cubix am Alexanderplatz grub sich das globale Unbewusste und Verdrängte ans Licht, die weltweite Depression bahnte sich ihren Weg durch die Filmprojektoren.
Immerhin bekennt sich das Publikum jenseits von Thesenfilmen und Berlinale-Bären zur künstlerischen wie sozialen Strategie und beweist einmal mehr, dass die Berlinale ein Publikumsfestival ist und damit so typisch “Berlin”. Wen interessiert hier schon Leonardo DiCaprio? Den Publikumspreis erhielt ein Dokumentarfilm, der Müll in Kunst verwandelt: die britisch-brasilianische Ko-Produktion Waste Land von Lucy Walker über den Künstler Vik Muniz, der gemeinsam mit den Ärmsten der Armen Kunst aus Abfallmaterialien von der Müllkippe in Río erschafft. Mit den Erlösen finanziert er soziale Projekte. Das ist eine These. Das ist die Berlinale.
