Soziale Marktwirtschaft: Was ist das und wo soll es hinführen?
Die FAZ bietet eine Serie zur Zukunft des Kapitalismus und der sozialen Marktwirtschaft. Der Journalist, die Lobbyistin, der Schriftsteller und der Vorstandsvorsitzende sowie der Kulturtheoretiker liefern dabei je eigene Aspekte.
Der Journalist: Thomas Strobl erinnert mit dem Text “Soziale Marktwirtschaft: Ökonomie als Instrument, nicht als Selbstzweck” an den geistigen Schöpfer der sozialen Marktwirtschaft, nicht ihren politischen Vater Ludwig Erhard, sondern ihren geistigen Vater, den Ökonomen Alfred Müller-Armack, der mit seinem Buch „Wirtschaftslenkung und Marktwirtschaft“ die Grundlage für unsere Wirtschaftsordnung schuf. Soziale Marktwirtschaft müsse sich, so Müller-Armack an den mittelständischen Betrieben ausrichten, die Freiheit sei oberstes Gebot und nur durch eine Verteilung der ökonomischen Macht zu erreichen. Deshalb sei eine freie Preisgestaltung unbedingt zu befürworten. Einer entfesselten Ökonomie steht Müller-Armack jedoch skeptisch gegenüber, Großkonzerne gelte es zu vermeiden. Der spezifisch soziale und kulturelle Charakter müsse der Wirtschaft von außen, also durch die Politik, aufgedrückt werden.
In seinem nächsten Text “Wohlstand für alle ist mehr als eine Phrase” meint Thomas Stobl dann doch, dass die gegenwärtige Krise in der Marktwirtschaft selbst begründet sei, denn sie weise zwei systemische Fehler auf: Verteilungsungerechtigkeit und finanzielle Instabilität. Als Lösungsmittel schlägt er folgende Maßnahmen vor, mit denen er eine neue Marktordnung schaffen will, die dann doch wieder im Sinne Erhards sein soll:
- die geordnete Abkehr von der einseitigen Fokussierung auf die Exportwirtschaft
- Stärkung des Binnenmarktes
- Ausbau von Beschäftigungsmöglichkeiten
- Abschaffung von Markteintrittsbarrieren aller Art
- Befreiung des Faktors Arbeit von Sozialabgaben
- steuerfinanzierte soziale Absicherung
- Einführung bzw. Erhöhung der Einkommen-, Vermögen- und Erbschaftsteuer zum Ausgleich der Einbußen
- Verstaatlichung des Kreditsektors oder (vorzugsweise) Zerschlagung der Großbanken
Die Lobbyistin: Karen Horn vom Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln tritt mit “Modell Deutschland” zur Verteidigung des Neoliberalismus an, der auf die Freiheit des Einzelnen von Zwängen im ökonomischen Austausch ausgerichtet sei, nicht auf ein regelloses Gewinnstreben. Sie weist darauf hin, dass trotz aller Krisen die Markwirtschaft langfristig zu mehr Wohlstand als Verlust geführt habe. Krisen gehörten zum menschlichen Leben dazu, sie seien ein Korrektiv, das Lernprozesse ermögliche: “In der Gesellschaft fehlbarer und von fundamentaler Unsicherheit umgebener Menschen, die wir sind, schließt soziales Lernen auch auf der politischen Regelebene Ausprobieren, Gelingen, Scheitern, Hinterfragung, Korrektur und Selbstvergewisserung notwendig mit ein.” Der Ruf nach dem Staat sei eine neue “totalitäre Versuchung”, diejenige einer “zunehmend absoluten Demokratie”. Die Aufgabe des Staates sei es, verlässliche Spielregeln zu definieren, nicht aber selbst Spielzüge auszuführen.
Der Schriftsteller und der Vorstandsvorsitzende: Martin Walser findet, dass sich der mit dem Geldgeschäft handelnde Kapitalimus “unendlich blamiert” hat. Nicht blamiert hat sich hingegen der Ingenieur, Wissenschaftler und langjähriger Vorstandsvorsitzender der Tuttlinger Aesculap AG Michael Ungethüm, Prof. Dr. Dr. Dr. h.c., der nach Walser den Win-Win-Kapitalismus der Zukunft mit dem Credo „Sozial ist, was Arbeit schafft“ verkörpert. “Wettbewerb ist ein Gebot der Nächstenliebe”, findet Martin Walser mit Michael Ungethüm. “Das Verfehlte ist, sagt er, wenn man das Soziale an der Sozialen Marktwirtschaft als eine Kompensation sieht, eine Art Wiedergutmachung für das, was Markt und Marktwirtschaft angerichtet haben.”
Der Kulturtheoretiker: Der Kapitalismus oder anders gesagt, “Die Firma ist eine Zumutung”, findet der Kulturtheoretiker Dirk Baecker. Der Unternehmer nimmt gewissermaßen einen Kredit auf sich selbst auf, denn ihn treibt die Hoffnung an, dass sein Streben sich auszahlt. Tue es das nicht oder laufe er Gefahr, dass es das nicht tue, soll er sein Kapital lieber anderen Unternehmen zur Verfügung stellen, die produktiver arbeiten. Darin besteht die Rechnung des Kapitalismus, der als friedliche Ausübung von Gewalt an die Stelle einer despotischen Gewalt tritt, deshalb jedoch nichtsdestoweniger eine Form von Gewalt sei.