Portrait of the Fighter as a Young Man (Portretul luptătorului la tinereţe)
Portrait of the Fighter as a Young Man (Portretul luptătorului la tinereţe) von Constantin Popescu ist die rumänische Variante von Tarantinos Inglourious Basterds, den er noch um 3 Minuten an Länge schlägt: nahezu drei Stunden Partisanengemetzel in den Karpaten.
Wie Quentin Tarantino stellt auch Constantin Popescu eine zusammengewürfelte Gruppe von Widerstandskämpfern in den Mittelpunkt, deren einziger Lebenszweck darin zu bestehen scheint, gegen ein ebenso übermächtiges wie entmenschlichtes System anzukämpfen, indem sie so viele von dessen Repräsentanten wie möglich abknallen, bevor das System sie selbst abknallt.
Der Unterschied liegt darin, dass das gegnerische Regime in diesem Fall kein faschistisches Hitlerdeutschland ist, sondern der mit aller Gewalt agierende kommunistische Arbeiter- und Bauernstaat der Parteischergen und Securitate-Chefs, und – entscheidender! – dass der Film auf die heroische Kraftmeierei der gutgelaunt metzelnden Tarantino-Figuren gänzlich verzichtet, sondern vielmehr danach fragt, was in einer solchen Situation vom Menschen noch übrig bleibt.
Der Film, in dem von der dreißigköpfigen Partisanentruppe einer nach dem anderen niedergestreckt wird, bis am Ende allein der Anführer Ion Gavrilă Ogoranu noch durch die Karpaten irrt, führt in brutaler Deutlichkeit vor Augen, dass das Partisanenleben nicht gerade ein Zuckerschlecken ist. Popescu stellt den Guerillakampf in den Bergen zwischen wogenden Feldern, in den Karpaten bei Dauerregen, in den Karpaten bei Schnee, von ständigen Entbehrungen geprägt, als zähes Durchhaltemanöver dar – eine schier nicht enden wollende Wartepartie auf Unterstützung durch die Amerikaner, die jedoch nie kommt und eigentlich schon 1945 mit der Konferenz von Jalta, als Rumänien im Einklang mit den Westmächten zu 90 Prozent den Sowjets zugesprochen wurde, unwahrscheinlich geworden war.
In Portrait of the Fighter as a Young Man gibt es kein Heldentum mehr (ob glorreich oder unrühmlich), sondern nur noch junge Männer, die um ihr nacktes Leben durch die Landschaft laufen wie Freiwild, das zum Abschuss freigegeben ist. Wer am wenigsten nachdenkt und zuerst schießt, ist hier schlicht eine Frage des Überlebens; und für jeden getroffenen Soldaten marschieren zwanzig neue auf. Jeder Freund kann ein Spitzel, jeder Helfer ein Verräter, jeder Kuss der letzte sein.
Das 163min-Epos, das nur den ersten Teil einer geplanten Trilogie über den antikommunistischen Widerstand in Rumänien darstellt, basiert auf wahren Begebenheiten: Nach dem Einmarsch der Sowjetarmee 1944 hatten sich in Rumänien wie auch in anderen Ländern zahlreiche kleine Widerstandsgruppen mit häufig faschistischem oder nationalistischem Hintergrund gebildet, möglicherweise wurden die Gruppen teilweise von ausländischen Geheimdiensten unterstützt. 30 davon bestanden bis Ende der 50er Jahre. Ion Gavrilă Ogoranu, einem der Anführer, gelang es, sich der Verhaftung bis 1976 entziehen. Alle Obersten der Securitate sollen ihn im Gefängnis besucht haben, weil sie den Mann kennen lernen wollten, der sie so lange an der Nase herumgeführt hatte. Die Intervention Henry Kissingers und Richard Nixons bewahrte ihn vor dem Todesurteil, so dass er 2006 nach langer Haftstrafe eines natürlichen Todes als freier Mann starb.
In Rumänien entwickelt sich erst langsam eine Debatte über die kommunistische Vergangenheit und den antikommunistischen Widerstand, der in der Öffentlichkeit noch wenig bekannt, jedoch schon wieder heftig umstritten ist. Rechte Foren heroisieren die Partisanen und eher linksgerichtete Forscher weisen auf faschistische und antisemitische Tendenzen hin. Der Film führte zu einem kleinen Eklat auf der Berlinale, das Nationale Institut für Holocaust-Studien Elie Wiesel aus Bukarest forderte die Absetzung des Films, weil “Ion Gavrilă Ogoranu ein Mitglied der faschistischen, antisemitischen und rassistischen Miscarea Legionara war, der Legionärs-Bewegung.” Christoph Terhechte jedoch weigerte sich, den Film aus dem Programm zu nehmen, das Forum biete schließlich seit jeher Raum für kontroverse Diskussionen, Zensur sei keine Lösung.
Der Film selbst ist mehr künstlerisch fokussiert als dokumentarisch anzusehen. Unter den Widerständlern befanden sich gerade in der Gruppe um Ogoranu durchaus auch Liberale, Bauern und Angehörige der Mittelschicht, die enteignet oder deren Familien getötet worden waren. Diesen gilt Popescus Aufmerksamkeit. Der Film nimmt keine faschistischen Haltungen ein, ihn interessieren vielmehr die Bedingungen einer Jugend als Partisanenkämpfer. Portrait of the Fighter ist eine Art filmischer Entwicklungsromans ohne Entwicklungen. Wie Stephen Dedalus in James Joyce’ Roman A Portrait of the Artist as a Young Man (1916), auf den der Filmtitel anspielt, ist auch den Figuren in Portrait of the Fighter as a Young Man die Entfaltung ihrer Persönlichkeit und ihrer Fähigkeiten aufgrund der politischen Situation, die sie umgibt, verwehrt. Die Tragik des Films besteht darin, dass die jungen Männer Ärzte, Pharmazeuten, Naturkundler und Mathematiker hätten werden können, dass aber auf dem Weg ihrer jugendlichen Entwicklung die Weltgeschichte über ihnen zusammengeschlagen ist.
Wie Daedalus aus der griechischen Mythologie verfügen sie über viel Erfindungsgabe und Kreativität, doch während der eine zwischen den Schießereien naturkundliche Forschungen über Käfer anstellt und ein anderer an einem mathematischen Beweis feilt, nutzen ihre Begabungen letztlich allenfalls zur längstmöglichen Verlängerung der Flucht vor Verfolgung, Folter und Verrat.
Der Parteiapparat kennt keinen Zweifel, kein Erbarmen: “Wir sind das Gehirn, und so muss gedacht werden”, und so ist die Verfolgung der wenigen Widerstandskämpfer bis auf den letzten zum Selbstzweck verkommen, völlig ungeachtet der Tatsache, ob diese hungrigen Banditen, die im Wald um ihre Existenz bangen, dem Regime mit seiner Übermacht an Milizen überhaupt irgendeinen Schaden zufügen können, der über die reine Verteidigung ihres nackten Lebens hinaus geht.
Dem gesichtslosen gleichmacherischen System stellt Popescu die gefallenen Engel des Individualismus entgegen. Filmisch geschieht dies durch fortwährende Parallelmontagen, die Gejagte und Jäger zeigen und darüber hinaus Worte und Handeln des Parteiapparats gegeneinander ausspielen. Seine Sympathie gilt den Guerrilleros als einer liberalen studentischen Elite – etwaige faschistische Hintergründe bleiben gänzlich ausgespart – denen er, anders als den Militärs und Parteischergen, die als austauschbare Zinnsoldaten ein perfides auf Verallgemeinerung zielendes System repräsentieren, allein ein menschliches, weil selbstkritisches Gesicht verleiht.
Popescu gelingt dabei die Gratwanderung der gleichzeitigen Einfühlung und Distanzierung, indem er die Partisanen als reflektierende Antihelden, die sich der Sinnlosigkeit ihres Tuns vollauf gewahr sind, charakterisiert, als jugendliche Denker, als gefallene Engel mit Gewissen. “Jeder Engel ist schrecklich”, zitiert Popescu Rainer Maria Rilke im Vorspann. Seine Helden fühlen sich keineswegs mehr als glorreiche Vertreter einer besseren Weltordnung, auch ihr Kampf ist nur noch Selbstzweck, für sie gibt es schlicht kein Zurück mehr in die Gesellschaft: “Wir leben wie die Würmer”, sagt Ogoranu jungen Männern, die sich ihm anschließen wollen, und schickt sie wieder nach Hause zu Mutti und den Büchern.
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Portrait of the Fighter as a Young Man
(Portretul luptătorului la tinereţe)
Rumänien 2010
Regie: Constantin Popescu
Drehbuch: Constantin Popescu
Kamera: Liviu Marghidan
Darsteller: Constantin Diţă (Ion Gavrilă Ogoranu, “MoÅŸu”), IonuÅ£ Caras
(Gheorghe HaÅŸiu, “Ghiţă”), Bogdan Dumitrache (Laurian HaÅŸiu, “Leu”),
Cătălin Babliuc (Ion Chiujdea, “der Professor”)
Berlinale-Sektion: Internationales Forum 2010
Uraufführung: 13.02.2010
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Nachtrag zur kritischen Diskussion des Films im Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin am 9. März 2010:
Teilnehmer der Diskussion:
Prof. Dr. Wolfgang Benz, Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin
Christoph Terhechte, Leiter des Internationalen Forums des Jungen Films der Berlinale
Alexandru Florian, Nationales Institut zur Erforschung des Holocaust in Rumänien
William Totok, Schriftsteller und Publizist
Moderation: Deidre Berger, American Jewish Committee
Geschichtsbilder: Postkommunistisch retuschiert? Hörbeitrag von Jochen Stöckmann. WDR3, 10. März 2010
Bert Rebhandl: Woran erkennt man Propaganda? taz, 11. März 2010
