Links(her)um!
Dass Linkshänder trotz aller reformpädagogischer Ansätze und Designinnovationen noch immer einer unterdrückten Minderheit angehören, offenbart sich in den vielen Schwierigkeiten, mit denen sie bei der Bewältigung ihres hochkomplexen Alltags konfrontiert sind.

Ich bin Linkshänder. Ich bin alt genug, dass es bei mir in der Schule noch keine Linkshänderscheren gab und keine Kindergartenerzieherin von meinen Eltern angegangen worden wäre, wie sie das nicht habe merken können, dass ich Linkshänderin sei (implizit mit dem echauffierten Vorwurf: Mein Kind ist etwas ganz Außergewöhnliches, wissen Sie denn nicht, dass Linkshänder ganz besonders begabt, intelligent und vor allem überaus kreativ sind, da ihre Gehirnhälften besser vernetzt sind!).
Ich bin nicht daran gestorben, dass es bei uns im Kindergarten und in der Schule keine Linkshänderscheren gab. So habe ich eben mit rechts schneiden gelernt. Ebenso wie werfen, alle Sportarten, die Schläger erfordern, und Brot schneiden. (Das ist nicht weiter schlimm, man macht sich dann nicht von besonderen Designläden abhängig, die ihr Geschäft mit ausgefeilten Linkshändergerätschaften machen.) Das Messer gehört in die rechte Hand, die Gabel in die linke, und so übe ich konsequent alle Schneidetätigkeiten, auch das Schnitzen, mit rechts aus. Genauso wie Bogenschießen oder Degenfechten.
Anders ist es, wenn ich ein Brot schmiere. Ein Brot zu schmieren, erfordert Feinabstimmungen, damit die Butter auch wirklich gleichmäßig verteilt ist und nicht etwa in der Mitte, wo das Brot am weichsten ist, ein Butterklumpen hängt und am Rand die harten Kanten leer ausgehen. Das mag ich nämlich gar nicht. Für Feinabstimmungen ist meine linke Hand zuständig, die rechte mehr für das Grobe. Zeichnen, Pinseln und Malen und natürlich auch Schreiben (sofern mit der Hand) mache ich mit links. Das war mir wichtig, da habe ich mich durchgesetzt, schon als Kind. Andere Hand besser, pflegte ich mit meinen rudimentären Sprachkenntnissen meine Eltern zu belehren. Und stieg stets mit dem linken Fuß zuerst aus dem Bett. (Ob ich deshalb im Leben vom Pech verfolgt werde, habe ich noch nicht endgültig eruieren können.)
Dass Linkshänder größte Verrenkungen mit Suppenkellen mit eingekerbter Tülle anstellen müssen, wenn sie die Suppe mit der linken Hand nach innen schöpfen, aber nach außen quasi über den Ellenbogen ausgießen müssen, davon will ich gar nicht sprechen. Dass sie auf der Butter Streifen hinterlassen, weil gewöhnliche Messer immer auf der rechten Seite die Kerben haben, und dass sie, sofern sie mit links trinken, auf bedruckten Tassen immer den Hintern der Bemalung erblicken oder dem letzten abfahrenden Eisenbahnwaggon nachsehen statt auf die Lokomotive zu schauen, sind nur unbedeutende Schönheitsfehler.
Schlimmer ist, dass das Linkshänderdasein manchmal überaus große Verwirrungen mit sich bringt, nämlich immer dann, wenn es mir nicht gelungen ist, so klare und sinnige Funktionsverteilungen für meine beiden Hände zu finden wie die oben beschriebenen. Zum Beispiel beim Gitarrespielen. Das ging so lange gut, wie das Erlernen der Griffe (linke Hand) im Vordergrund stand. Als ich die höheren Weihen erlangte und mit rechts zupfen sollte und das auch noch im richtigen Rhythmus, mit den richtigen Fingern an den richtigen Seiten, bin ich kläglich gescheitert. Anderen Schwierigkeiten war ich beim Stricken und Häkeln ausgesetzt, da ich mich nie erinnern konnte, mit welcher Hand und in welche Richtung ich damit angefangen hatte.
Beim Haarekämmen löste ich das gleiche Problem damit, dass ich die Haare auf der rechten Seite mit rechts und die Haare auf der linken Seite mit links kämmte. Wenn ich einen Zopf mache, kommt ein ausgefeilter Abstimmungsprozess in Gang. Zunächst kämme ich die Haare mit der rechten Hand in die linke, lege dann die Bürste aus der rechten Hand und greife damit zum Haargummi, das ich anschließend abwechselnd mit beiden Händen um den Zopf ziehe.
Schränke hingegen bereiten mir gewisse Schwierigkeiten. Ich öffne die Tür mit der rechten Hand und entnehme mit links einen Teller. Da ich nun den Teller in der Linken habe, muss ich das Messer notgedrungen in die Rechte nehmen, am Tisch dann aber wieder alles umtauschen. Wenn ich mir Tee in die Tasse gieße, halte ich die Tasse mit links und gieße mit rechts ein. Trinken tue ich aber eigentlich mit rechts, denn dann muss ich währenddessen nicht die Gabel oder das Messer aus der linken Hand legen. Das macht auch deshalb Sinn, weil ich nur mit links Zucker in die Tasse löffeln und umrühren kann.
Eine ganz besondere Herausforderung stellen Büffets für mich dar. Sie sind, darum hat sich noch kein Minderheitenschutz gekümmert, immer so aufgebaut, dass man sich von rechts nach links vorwärts arbeitet. Ich greife also am Anfang mit rechts nach einem Teller und verfrachte diesen selbstverständlich zuallererst in meine linke Hand. Dann jedoch fängt das unausweichliche Chaos an, da ich jedes Mal bei dem Versuch scheitere, die kunstvoll geschichteten Filets, Tomaten-Mozzarella-Scheibchen oder Rucola-Blättchen mit der Rechten auf meinen Teller zu balancieren, ohne sie auf dem Weg über die anderen Schüsseln wieder zu verlieren. Sobald ich merke, dass meine Bemühungen, die Kürbiskerne zu erhaschen, die Wartenden hinter mir aufhalten, beginnt bei mir die große Teller-in-andere-Hand-damit-ich- Salatzange-mit-links-nehmen-kann- Tauschaktion. Mit wenigen ergatterten Rucola-Blättern und Kürbiskernen trolle ich mich schließlich schwitzend vor dem Unmut der schon ungeduldig von einem Bein auf das andere Tretenden in der Schlange hinter mir.
Schließlich und endlich bin ich in Kaufhäusern großer Gefahr ausgesetzt, einen Unfall zu provozieren, weil ich mich gedankenverloren grundsätzlich in die falsche Richtung wende, wenn ich von einer Rolltreppe zur nächsten aufsteigen möchte, nämlich ausnahmslos dahin, wo mir die Rolltreppe von oben befriedigte Käufer entgegenschwemmt. Wahrscheinlich bin ich genau aus diesem Grund auch ein unbelehrbarer Anhänger von Einzelhandelsgeschäften und rolltreppenlosen Tante-Emma-Lädchen. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass ich einer unterdrückten Minderheit angehöre, die irgendwie andersherum gepolt ist und schon deshalb bewusst oder unbewusst gegen den Mainstream schwimmt.
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