Gus van Sants ‘Milk’: Milch mit Twinkies
‘Milk’ ist eine sanfte Hommage voller Luftballons, Lächeln und Twinkies an eine Ikone aus den Anfängen der Schwulenbewegung. Harvey Milk kämpfte im San Francisco der siebziger Jahre als Stadtrat gegen die Diskriminierung von Homosexuellen und fand dafür den Tod.

Nein, es ist kein surrealer Einfall von George Bataille oder Salvador DalÃ, er heißt wirklich so: ‘Milk’ ist Harvey Milk und war einer der ersten bekennenden Homosexuellen, die in ein öffentliches Amt gewählt wurden. Heute gilt er als Ikone der Schwulenbewegung. 1978 wurde Harvey Milk in San Francisco Stadtrat seines Bezirks, nachdem dieser sich im Laufe der siebziger Jahre in konzentrischen Kreisen um Milks Fotoladen ‘Castro Camera’ zum Szeneviertel gemausert hatte.
Vier Anläufe und die Unterstützung nicht nur der Homosexuellen, sondern auch der Blumenkinder, Frauen und Senioren sowie eine lesbische Wahlkampfleiterin brauchte es für diesen Erfolg. Nur wenige Monate im Amt traf ihn die todbringende Kugel seines Kollegen und Konkurrenten Dan White.
Historisch gesehen war Harvey Milk nicht der erste bekennende Homosexuelle in einem öffentlichen Amt. Schon in der ersten Hälfte der siebziger Jahre bekannten sich zwei Frauen offen zu ihren homoerotischen Neigungen: Nancy Wechsler, Stadträtin von Ann Arbor, Michigan, und Kathy Kozachenko, ihre Amtsnachfolgerin.
Auch im Senat von Minnesota outete sich ein Abgeordneter schon 1974 als homosexuell – und gewann dennoch die Wiederwahl. Doch Harvey Milk war wohl wegen seines tragischen Todes die schillerndere Figur, darüber hinaus konnte Regisseur Gus van Sant (’Good Will Hunting’, USA 1997) auf den schon 1984 in einem Dokumentarfilm The Times of Harvey Milk verarbeiteten Stoff zurückgreifen. Gus van Sant hat einen humorvoll leichten Spielfilm mit wenigen tragischen Abgründen geschaffen, der sich sehr eng an das Archivmaterial und die dokumentarische Vorlage hält. So eng, dass ein weiterer historischer Stoff von einem mythisierenden Spielfilm wie ein Palimpsest überlagert zu werden droht.

Der unfreiwillige Märtyrer
‘Milk’ zeigt einen stets lächelnden, unkonventionellen und doch durchsetzungsfähigen charismatischen Macher, der sich trotz zahlreicher Niederlagen im Wahlkampf nicht entmutigen lässt. Dunkle Seiten des Charakters treten kaum zutage, mit unglaublicher Sanftheit verteidigt Harvey Milk noch seine größten Kontrahenten. Spielerisch verkörpert er das Bild eines unfreiwilligen Märtyrers, der sich nicht aus moralischer Überzeugung opfert, sondern aus fast versehentlichem Einfühlungsvermögen in seinen größten Gegner - ein ironisches Gegenbild zu den homophoben allzu bibeltreuen Christen, die keinen Samen unnütz vergeudet sehen wollen. Der Film arbeitet heraus, welche Bedeutung die Anti-Homosexuellen-Kampagne der populären Sängerin Anita Bryant hatte, die sich gemeinsam mit dem römisch-katholischen Erzbischof von Miami und einem fundamentalistisch-baptistischen Fernsehprediger gegen die Beschäftigung von homosexuellen Lehrern an Schulen stark machte. Harvey Milk hält ironisierend dagegen: Wenn das Privatleben der Lehrer so großen Einfluss auf die Kinder hätte, müssten wesentlich mehr Nonnen auf den Straßen San Franciscos unterwegs sein.
Gründungsmythos der Schwulenbewegung
Der Film ist mehr eine Hommage an die (symbolische) Figur Harvey Milks und eine Art Gründungsmythos der Schwulenbewegung samt Christopher Street Days denn eine Charakterstudie. Die negativen Begleitumstände wie der Selbstmord von Harvey Milks Lebenspartner werden in Brecht’scher Manier letztlich stärker der gesellschaftlichen Unterdrückung als der Selbstbezogenheit des Politikers oder der mangelnden Gesellschaftsfähigkeit des Partners zugeschrieben, die nur am Rande anklingen. “You have an issue”, beneidet Dan White seinen Kollegen Harvey. Was White als Wahlkampfthema, als Anliegen seines politischen Gegners wahrnimmt, ist für diesen nach eigener Aussage eine Frage von Leben und Tod, da die Öffentlichkeit noch nicht akzeptiert, dass er sich offen zu den Menschen, die er liebt, bekennt und trotzdem seine Ämter behält.

Zu viele ‘Twinkies’
Die Uraufführung des Dokumentarfilms “The Times of Harvey Milk” von Robert Epstein und Richard Schmiechen, der erstmals den Stoff verarbeitete, war im Oktober 1984, wenige Monate nachdem der historische Dan White aus dem Gefängnis entlassen worden war. Er hatte zu diesem Zeitpunkt fünf Jahre seiner verhältnismäßig milden Haftstrafe ‘wegen Totschlags’ für den Mord an Harvey Milk und dem Bürgermeister San Franciscos, George Moscone, abgesessen. Eine urbane Legende erzählt, dass die Richter mildernde Umstände geltend gemacht hätten, weil Dan White wegen seines überdimensionalen Konsums von ‘Twinkies’ nicht zurechnungsfähig gewesen sei. Twinkies sind kleine amerikanische Küchlein mit Cremefüllung, denen eine äußerst lange Haltbarkeit wegen der vielen angeblich enthaltenen Chemikalien zugeschrieben wird. Im Schwulenslang bezeichnet das Wort junge hübsche Kerle mit wenig Körperbehaarung. Der Dokumentarfilm wurde 1984 und 1985 auf vielen Festivals gezeigt und auch regulär im Kino. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Kritikerpreise. 1985 wurde “The Times of Harvey Milk” sogar mit dem Oscar für den besten Dokumentarfilm ausgezeichnet. Im selben Jahr beging Dan White Selbstmord. Eine tragische Fortschreibung der Geschichte, die sicher nicht im Sinne des sanften Harvey Milks gewesen wäre.
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Milk
USA 2008
Regie: Gus van Sant
Kinostart: 19.02.2009