Digitalisierung: Wer profitiert von der schönen neuen Medienwelt?
‘Open Access’ ist der Versuch, das in der Computerbranche durchaus erfolgreiche ‘Open Source’-Projekt auf die Wissenschaft, ja, auf den Umgang mit Texten überhaupt, zu übertragen. Während ‘Open Source’-Projekte Programmcodes offen zugänglich machen und damit zur Weiterentwicklung freigeben, stellt eine Anwendung des Prinzips auf Wissenschaft und literarische Produktion jedoch eine ganze Wissensordnung auf den Kopf.
Der Traum vom weltweit frei zugänglichen Wissen klingt verführerisch, das Internet als große Datenbank, die Erfüllung der Aufklärung, eine Demokratisierung des Wissens. Endlich können wissenschaftliche Publikationen schnell eingesehen werden, Leser aus Afrika und Übersee, China und Neuseeland können auf Forschungsergebnisse aus Paris, London oder Berlin zugreifen und umgekehrt. Ein neues Weltverständnis, ein humboldtsches Ideal rückt näher. Soweit der Wunschtraum.
Doch die warnenden Stimmen werden immer lauter. Roland Reuß, Professor für Literaturwissenschaft an der Universität Heidelberg, und Dr. Uwe Jochum, Fachreferent für Literaturwissenschaft an der Universitätsbibliothek Konstanz, stellen fest, dass der Zugang zu vielen wissenschaftlichen Open Access-Texten keineswegs günstiger ist als zuvor, die Gebühren werden nur verlagert: anstelle der Gebühren, die Bibliotheken bisher für das Zeitschriftenabonnements begleichen mussten, zahlen nun die Autoren bzw. deren Institute für die Veröffentlichung ihrer Werke. Außerdem stellt der freie Zugang zu vielen Texten im Internet, auch über die Suchmaschine Google eine Entmachtung der Autoren dar, die immer öfter umfangreiche Rechte an den von ihnen verfassten Texten an Verlage, Zeitschriften und andere Publikationsorgane abtreten müssen, um dort überhaupt publizieren zu dürfen. Mitunter schlägt dieses Phänomen absurde Blasen, wie die Tatsache, dass ein Autor für den Download seines eigenen Textes zahlen und für eine (Zweit)Veröffentlichung auf der eigenen Website erst den Verlag um Erlaubnis ersuchen muss.
Neben solchen fragwürdigen Voluten des Systems drängt sich allerdings darüber hinaus schon die nächste und noch viel entscheidendere Frage auf: Wer digitalisiert die Bücher eigentlich? Gibt es eine breite Streuung auf verschiedene kleine Unternehmen? Oder wird vielmehr binnen einiger Jahrzehnte ein einziges Unternehmen ein gigantisches Monopol auf das Wissen der Welt haben und dann ganz neue Tarife für dessen Verfügbarkeit ansetzen, wenn der Traum vom frei zugänglichen Wissen ausgeträumt ist? Welche Klauseln verbergen sich im Kleingedruckten, wenn junge Wissenschaftler, die häufig genug gerade so am Existenzminimum leben, ihre Dissertationen kostengünstig im Internet veröffentlichen statt die Druckkosten bei einem Wissenschaftsverlag auf sich zu nehmen?
Mit dem Wandel vom Print- zum Onlinemedium erleben wir auch im Journalismus schon heute einen Wandel, der weitreichende Folgen hat. Solange Zeitungsverlage von Abonnenten abhängig waren, entschied der Leser, für welche Art von Information er Geld ausgeben möchte. Im Internet jedoch sind Werbekunden die Geldgeber und nehmen immer größeren Einfluss auf die den Lesern kostenlos zur Verfügung gestellten Inhalte. Noch gilt eine direkte Einflussnahme als unmoralisch, doch verwischen sich die Grenzen mehr und mehr, wenn ganze Beiträge nur geschrieben werden, damit eine entsprechende Werbung platziert werden kann. Die indirekte Einflussnahme ist dabei noch viel entscheidender. Die Reaktionskette ist einfach: Werbung bringt den Verlagen Geld. Werbung wird nur geschaltet, wenn die Zeitungen und Onlineportale genug Klickzahlen aufweisen können. Die Quote hat damit nicht mehr nur die privaten Fernsehsender erreicht, sondern auch die Textproduktion und Wissensweitergabe.
Es ist eine traurige Wahrheit, dass nur in seltenen Fällen gut recherchierte, in die Tiefe gehende Artikel viele Klicks erzielen. Vielmehr scheint der Mensch auf Schlüsselreize zu reagieren: alles, was bunt und schreiend ist, zieht uns an, Bilder, Sex, Bewegung (klick!mich!an!), Skandale und Katastrophen reizen zum Klicken. Lesen aber braucht Zeit. Lesen ist nicht Klicken. Je weniger aber die Leser - die wirklichen Leser, nicht die Anklicker - die Inhalte mitbestimmen, desto geringer wird auch die Wertschätzung des guten Autors, der nun weniger ein ideelles und finanzielles Standbein des Verlags ist, sondern nur noch Content-Produzent oder bestenfalls ein Popstar, ein dekoratives Element, das man sich für den Luxus leistet oder für die Erhaltung der ‘Marke’. Eine ganz wesentliche Kulturleistung unserer Welt, Gedanken und Kritik zu äußern, Entwicklungen einzuordnen und Entscheidungen zu hinterfragen, steht damit auf dem Spiel.
Auch bei der Digitalisierung von Literatur und wissenschaftlichen Publikationen stellt sich immer mehr die Frage: Wer verdient eigentlich an dieser Entwicklung? Eins steht fest, die Urheber und Autoren sind es nicht. Jeremy Rifkin hat in seinem Buch ‘Access’ (dt. Zugang, Zugriff) die Entwicklung schon im Jahr 2000 sehr richtig vorausgesehen und beschrieben. In der Zugangsgesellschaft als neuen Form des Kapitalismus gibt es zwei Formen von Angeboten: 1. Kommerzielle Angebote von Unternehmen, die mit dem Ziel der Gewinnerzielung zur Verfügung gestellt werden. 2. Kostenlose und freie Angebote durch einzelne oder die Gemeinschaft, motiviert durch den Wunsch, sich auszudrücken, kreativ zu sein, zu teilen. Zugespitzt bedeutet das, dass das große Versprechen der freien westlichen Gesellschaft, sich im Beruf selbstverwirklichen zu können, hier ein jähes Ende findet.
Finanzielle Gewinne können nämlich in einer solchen Gesellschaft nicht mehr durch geistige Leistung erzielt werden, sondern nur noch über die Zugänglichmachung von geistiger Leistung, die in der Folge selbst zum Privatvergnügen derjenigen wird, die sich dazu so berufen fühlen, dass sie auch auf die minimale Vergütung ihrer Leistung zu verzichten bereit sind. Anders gesagt: Am Internet profitieren zwar die Nutzer, Wissenschaftler und Autoren ideell durch die leichtere Verfügbarkeit und Zugänglichkeit von Wissen. Materiell verdienen jedoch die Unternehmen, die Soft- und Hardware verkaufen, die Telefonunternehmen, die Anbieter von DSL und WLan, also alle diejenigen, die die Leitungen und Kanäle zur Verfügung stellen, die die Aufnahme dieses Wissens überhaupt erst möglich machen. Und nicht zuletzt die Suchmaschinen, die darüber entscheiden, welche Informationen aus den Tiefen des Internetozeans überhaupt an die Oberfläche dringen.
Noch versichert uns Google, dass es ein Unternehmen voll intelligenter und glücklicher Utopisten ist, das nur unser aller Bestes will. Was aber geschieht, wenn es eines Tages entscheidet, den Zugangshahn zuzudrehen und eine Grundgebühr zu verlangen? Was geschieht, wenn immer mehr geistige Menschen ihre Fähigkeiten nur noch zum Privatvergnügen einsetzen können? Was geschieht, wenn die Staaten aus dieser Entwicklung heraus früher oder später ein Grundeinkommen einführen müssen, weil sonst ihre großen Geister Hungers sterben werden? Was geschieht, wenn so Kreativität sozialisiert, Zugang zu Wissen aber unternehmerisch privatisiert und in der Folge monopolisiert wird? Wir alle werden uns diesen Fragen stellen und unsere Schlüsse daraus ziehen müssen.
Ein Riss geht durch die Gesellschaft zwischen ökonomisch Denkenden und kreativ-ideell Denkenden. Bisher hat unsere Gesellschaft diese Spannungen ausgehalten und unser gesamtes Rechtssystem hat einen Ausgleich und Konsens zwischen diesen Strömungen gefördert. Wir stehen an einer Zeitenwende, und noch sind die Konzepte vage, welche Schlüsse gezogen werden können. Fest steht nur, dass die Weichen bald gestellt werden müssen, in den Entscheidungen einzelner, wie sie mit ihren Werken verfahren wollen, aber vor allem auch im Urheberrecht, in den Chefetagen der Verlage und im Parlament. Die Entwicklung zu leugnen oder staatlich eindämmen zu wollen, wird dabei kaum möglich sein. Doch wäre zum Beispiel eine Förderung eigener Digitalisierungsunternehmen ein Weg und möglicherweise so etwas wie eine Gema-Gebühr an die Autoren, die auch den Suchmaschinen abverlangt werden könnte.
Zur Debatte um ‘Open Access’:
- Rudolf Walther: Open Enteignung, taz, 20. März 2009
- Roland Reuß: Zu GoogleBooks, textkritik.de, 8. März 2009
- Gudrun Gersmann: Wer hat Angst vor Open Access?, FAZ, 18. Februar 2009
- Roland Reuß: Forschungspublikationen. Eine heimliche technokratische Machtergreifung, FAZ, 11. Februar 2009
- Weitere Links und Publikationen zum Thema: Open Access (Wikipedia)
Weiterführende Texte:
- Ulrich Herb: Vernetzung tut not, Telepolis, 8. März 2008
- Richard Sietmann: Über die Ketten der Wissensgesellschaft. c’t Magazin, Nr. 12/2006
- Rainer Kuhlen: Universal Access. Wem gehört Wissen?, Beitrag zum Kongress “Gut zu Wissen”, in: Heinrich-Böll-Stiftung (Hg.): Gut zu Wissen, Westfälisches Dampfboot 2002
- Bruno Bauer: Kommerzielle Open Access Publishing-Geschäftsmodelle auf dem Prüfstand: ökonomische Zwischenbilanz der “Gold Road to Open Access” an drei österreichischen Universitäten. GMS Medizin - Bibliothek - Information, 2006, vol. 6, n. 3, Doc32.