Deutschland 09: Die Patientin hyperventiliert
Die Patientin Deutschland ist ein komplizierter Fall. Ihren besten Regisseuren zufolge verbringt die Nation den 60. Geburtstag wahlweise beim Psychiater, im Puff oder auf dem Mond.

Christoph Hochhäusler: Séance (c) Herbstfilm
Wer auf den Frühling hofft, der hofft vergebens. Deutscher als der Frühling bleibt der Herbst; das Höchste der Romantik hierzulande ist ein Wintermärchen. Eine fröhliche, mit sich selbst im Reinen lebende Nation werden die Deutschen auch kurz vor der Pensionierung nicht werden, wenn wir Deutschland 09 – 13 kurze Filme zur Lage der Nation wörtlich nehmen, allenfalls Kassenpatient. Ihren 60. Geburtstag verbringt die Nation entweder beim Psychiater (wahlweise wegen Depression, historisch bedingten Angstpsychosen oder Lethargie, unfähig den “Ruck”, der durch dieses Land gehen soll, zu spüren oder auch nur auszusprechen), im Puff oder auf dem Mond, jenseits von Gut und Böse in schönen Erinnerungen an ein fiktives “Deutschland” schwelgend, das aus Multifunktionsmöbeln und dem Mauerkuss besteht (Christoph Hochhäusler, Séance).
Und zwischendurch trällern alle ein paar Liedchen, wie das auf deutschen Bühnen im vergangenen Jahrzehnt so üblich war. Die im Ausstoß der Bürokratiemaschine erstickende Sekretärin der Nation kann den vielen Fragen nur ihr “Moment bitte!” in die Hörermuschel entgegenhalten, der Rest hängt in der Warteschleife und hofft vergeblich auf Antworten (Wolfgang Becker, Krankes Haus).
Ein Ständchen zum Sechzigsten
Zum sechzigsten Geburtstag haben sich die jungen, aufstrebenden Regisseure der Nation zusammengefunden, derselben ein Ständchen darzubringen. Doch das Orchester der Filmemacher löst sich auf in ein disparates Stimmengewirr. Der Sopran (Isabelle Stever, Eine demokratische Gesprächsrunde zu festgelegten Zeiten) zeigt als sich selbst erziehendes Kind nur auf die andern, die Geige (Dani Levy, Joshua) ist völlig auf Zucker, die Bratsche (Nicolette Krebitz, Die Unvollendete) hängt ihren Träumen von einer Selbstverwirklichung der Frauen nach und hört einfach auf zu spielen, die Triangel (Angela Schanelec, Erster Tag) lässt ein paar zusammenhanglose Bilder im Morgenlicht anklingen, der Bass macht sich schmerzlich durch Abwesenheit bemerkbar, und der Paukenschlag (Hans Steinbichler, Fraktur), der an der Redaktion der FAZ die Aufgabe der Frakturschrift blutig rächt, dröhnt nach dem Amoklauf in Winnenden schmerzlich in den Ohren. Der Dirigent (Tom Tykwer, Feierlich reist) ist zu perfekt und hat das Dirigieren vergessen, stattdessen führt er als Global Player im Dauerjetlag nur noch ein virtuelles Leben, das räumlich nicht mehr zu verorten ist. In seinem Starbucks-Village der Esprit-Gap-Louis Vuitton-Markenwelt unterscheidet nur noch die Frage nach der Bestellung Tokyo von London und Paris von New York. Die Nation spielt dabei ohnehin keine Rolle.
60 Jahre und kein bisschen weise
Was sagt uns dieser Film, dieses Konglomerat an Film(ch)en? 60 Jahre und kein bisschen weise. Wir sind keinen Schritt weiter gekommen. Die Alten kränkeln vor sich hin, die Jungen auch, die einen leiden an Reformpädagogik, die andern, weil sie nichts zu beißen haben. Wieder andere dreschen Phrasen, Schlagzeilen, Werbeslogans (”Wir sind Papst”, “Geiz ist Geil”, “Das Kapital ist ein scheues Reh”, “Leistung muss sich wieder lohnen”). Der “Sozialinfarkt” steht unmittelbar bevor, und die “Lohnnebenhöhlen” sind angegriffen, lautet die ärztliche Diagnose.

Wolfgang Becker: Krankes Haus (c) Herbstfilm
Willkommen in der Postmoderne. Die Frauen haben Frauenprobleme, die politisch Aktiven werden verfolgt und die politisch Nicht-Aktiven ebenfalls. Und so richtig kommt auch niemand dahinter, wer eigentlich politisch aktiv ist und wer nicht (Hans Weingartner, Gefährder und Fatih Akin, Der Name Murat Kurnaz). Vielleicht beweist der lethargische Verweigerer, der partout seinen einstudierten Satz: “Es soll ein Ruck durch Deutschland gehen” nicht aussprechen will, noch am meisten politischen Widerstand, auch wenn er dabei Gefahr läuft, in Einzelhaft genommen zu werden, bis auch er seine Phrase beherrscht und damit einen Beitrag zur alles bestimmenden Gemeinschaft leistet.
Was bleibt von Deutschland 09?
Was also bleibt von dem polyphonen Konzert des Patienten Deutschland 09? Neben der kränkelnden Depression einzelne Stimmen, die herausklingen. Sylke Enders kasteit die Schieflage zwischen Arm und Reich, zwischen Rotzbengeln, die unfähigen HartzIV-Müttern ausgeliefert sind, und quengelnden Wohlstandsgören. Und die Vorurteile, mit denen die einen den andern begegnen oder eher die andern den einen.
Romuald Karmakars Ramses liefert zwischen all der deutschen Bedeutungsschwere das ebenso skurrile wie erfrischende Porträt eines Puffbesitzers, der kein Blatt vor den Mund nimmt, wenn er über die abwegigen Leidenschaften seiner Kundschaft spricht und sich, während er von seiner Heimat Persien träumt, bei dem “deutschen Volk” bedankt.
Hans Weingartner und Dominik Graf kämpfen auf unterschiedliche Weise gegen das Vergessen an. Weingartner verfilmte mit Gefährder die wahre Geschichte des Soziologen Andrej Holm, der als mutmaßlicher Kopf der linksradikalen “militanten Gruppe” elf Monate lang überwacht und abgehört wurde, weil radikale Randalierer in ihren Bekennerschreiben wie er das Wort “Gentrifizierung” verwendet hatten. Nicht in der DDR und von der Stasi, sondern in der BRD von heute.
Dominik Graf thematisiert mit Der Weg, den wir nicht zusammen gehen den Verlust des kollektiven Gedächtnisses und spricht von einer “Euthanasie” der Erinnerung durch den Abriss von architektonischen Zeugnissen der Geschichte. Der missliebige, verruchte Bahnhof Zoo wurde durch den neuen, Transparenz suggerierenden Glasbau am Lehrter Bahnhof ersetzt und mit ihm das West-Berlin der achtziger Jahre entsorgt. Der Palast der Republik wurde “zurückgebaut”, still und leise, und mit ihm fiel die Repräsentanz des besiegten anderen Deutschlands. Auch die Linoleum- und Suppentopfgerüche, die noch von einem vergangenen Leben in verlassen Nachkriegshäusern und Plattenbauten zeugen, werden der Abrissbirne anheim fallen, und mit all diesen Ruinen wird, so Graf, “die wahre deutsche Geschichte entsorgt”.
Es scheint so etwas wie ein Fluch der Deutschen zu sein, sich möglichst schnell und möglichst spurenlos der oft missliebigen Geschichte zu entledigen zu suchen statt sie aufzuarbeiten und sich ihr zu stellen. Der Frühling hat noch nicht begonnen, aber der Herbst ist schon wieder nah.
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Deutschland 09 - 13 kurze Filme zur Lage der Nation
Deutschland 2009
Regie: Fatih Akin, Wolfgang Becker, Sylke Enders, Dominik Graf, Christoph Hochhäusler, Romuald Karmakar, Nicolette Krebitz, Dani Levy, Angela Schanelec, Hans Steinbichler, Isabelle Stever, Tom Tykwer, Hans Weingartner
Kinostart: 26.03.2009