Crossing the Mountain (Fān shān)
Der chinesische Forumsfilm Crossing the Mountain (Fān shān) beschäftigt sich mit dem Volk der Wa und Grenzerfahrungen zwischen Menschenopfern und Moderne. Die Logik folgt dabei der Psyche der Regisseurin und strapaziert die Geduld des Publikums.
Urwald überall. Die Blätter rauschen, unbekannte Tiere maunzen, zirpen und keckern im Dickicht. Das Grün ist oben, unten, drumherum. Und sonst ist nichts. Ein junger Mann tappt mit verbundenen Augen durch das Gestrüpp, vorsichtig, endlos, Schritt um Schritt seine Umgebung ertastend. Endlos. Und endlos langsam. Ein junges Mädchen spielt Fangen mit ihm, lockt ihn und läuft wieder weg, doch er weiß nichts davon. Sie steht unbeweglich vor ihm, er lauscht lange, bemerkt sie nicht. Sie gibt keinen Ton von sich und verschwindet wieder. Er setzt seinen tastenden Gang fort. Langsam. Endlos. Die Regierungskampagne hat uns aufgeklärt, es gibt Landminen hier. Vorsichtig tastend setzt er seinen Gang fort. Endlos. Langsam. Wir warten auf eine entsetzliche Explosion, die ihn noch mehr Glieder oder Sinne kostet. Nichts passiert.
Ebensowenig, als zwei Mädchen, ganz weit entfernt, kaum noch sichtbar, durch ein wogendes Feld tollen. Sie lachen, haben irgendetwas gefunden, das sie sich lachend zuwerfen. Einmal, zweimal, dreimal, viermal. Was sie gefunden haben, ist irgendwo hinuntergefallen. Das Mädchen sucht danach und kann es nicht finden. Wir warten auf eine Explosion. Nichts passiert.
Das junge Mädchen sitzt vor einem Fernseher, der rauscht und grisselige, graue Punkte zeigt. Sie starrt vor sich hin, aber nicht auf den Fernseher. Irgendjemand außerhalb des Bildes versucht, die Antenne auszurichten. Das Bild im Fernseher wird langsam schemenhaft sichtbar. Das Mädchen starrt vor sich hin. Nicht auf das Bild. Das Bild verschwindet wieder. “Jetzt?” “Nein.” Der Vorgang wiederholt sich. Mehrmals, ergebnislos.
Crossing the Mountain (Fān shān) war vielleicht einer der anstrengendsten Filme dieser Berlinale. Was ein surreales Spektakel hätte sein können oder auch nur eine poetische Vision, verliert sich in beliebigen Experimentalsequenzen. Christoph Terhechte erklärt uns im Programmheft, hier geht es um das Volk der Wa (auch Va oder Parauk) im Grenzgebiet zwischen China und Burma an der Schwelle zwischen Tradition und Moderne. Die animistischen Wa gelten als berüchtigte Kopfjäger, die sich den Kolonialmächten niemals beugten, noch bis vor wenigen Jahrzehnten zierten die abgeschlagenen Köpfe der Getöteten zum Schutz vor bösen Geistern Pfähle am Eingang ihrer Dörfer. Heute leben sie im verminten Grenzgebiet von Opiumanbau und Regierungshilfsprogrammen, in Burma wurden sie Opfer von massiven Umsiedlungen und Menschenrechtsverletzungen.
Drei Jahre lang lebte die chinesische Regisseurin Yang Rui mit den Wa. Und dennoch hat sie von ihrer Reise in die Region nur quälend schleichende Bilder mitgebracht, die kaum etwas zeigen und noch weniger erzählen. Zwischen grünen Landschaften sehen wir ein Schädelfeld, die Polizei ermittelt in einem Todesfall, die Leute aus dem Dorf spielen Mörderblinzeln. Eine zahnlose alte Frau mit verwitterter Haut berichtet in die unbewegte Kamera wie ihr Mann abhanden gekommen sei, als er den Berg überquerte: Sie zerhackten ihn. Denn das Blut eines Mannes lässt den Reis besser wachsen. Jedes Korn hat seine Vorlieben, der Reis bevorzugt Männer mit Bart. Das Salz und die Paprikaschoten, die er bei sich trug, hätten sie erst viel später gegessen.
Der Film könnte surreal sein oder mystisch, aufregend oder ethnographisch, doch er wirkt wie ein einstudiertes Schauspiel am fremden Ort, es fehlt ihm an Schnitten, die Erzählung und die Bilder sind nicht verwoben genug, er hätte ein kaleidoskopisches Mosaik erschaffen können, vielmehr wabert aber alles willkürlich umeinander und das eigentliche Kino findet, wenn überhaupt, im Kopf statt. Was der Film jedoch vermittelt, ist ein permanentes Gefühl der Unsicherheit, ein Warten auf den großen Knall, der niemals eintritt und sich, als er doch kommt, in unbestimmter Ferne ereignet, ohne dass die Auswirkungen sichtbar würden.
Schon als Junge habe ihr Mann immer nur Erde gekocht, sagt die Alte, und wieder gekocht und die Schlacke abgesiebt und mit Harz gemischt. Das Volk der Wa übermittelt Botschaften durch Objekte, Salz bedeutet Freundschaft, scharfe Paprika Ärger, Schießpulver steht für Fehde. Ob der Mann der Alten den Clan gegen sich aufgebracht hatte? Doch der Film liefert weder rationale Erklärungen, noch mystisch-magische Bilderwelten, er begnügt sich mit dem monologischen Bericht und verharrt in losen Impressionen einer Regisseurin, die die Chance hatte, ein großartiges Thema zu bearbeiten und diese in den Wind zwischen die Urwaldblätter geschlagen hat.
“Danke, dass Sie diesen Film angeschaut haben”, sagt Yang Rui nach anderthalb Stunden geduldigen Ausharrens dem verbliebenem Publikum, “und danke, dass Sie bis zum Ende geblieben sind.” Ihr Ziel sei nicht gewesen, einen ethnographischen Film zu drehen, das Werk spiegele vielmehr ihre eigene Psyche während ihrer Zeit bei den Wa. Danke, dass wir daran teilhaben durften. Vielleicht ist die andere Seite des Berges auch ganz passabel.
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Crossing the Mountain (Fān shān)
Volksrepublik China 2010
Regie: Yang Rui
Buch: Yang Rui
Kamera: Liao Ni
Darsteller: Xiao Yonghua, Chen Qiang
Berlinale-Sektion: Internationales Forum
Uraufführung: 18.02.2010
