Auf eine (eine?!) Zigarette mit dem Altenrat
Lasst die weisen alten Männer wieder ran! Nach Beckmann gestern abend auf rbb ist klar: Nur ein Altenrat kann die Welt noch retten.
Man kann ihnen vieles vorwerfen, nicht alle ihre politischen Entscheidungen mögen immer richtig gewesen sein, nicht allen ihren Forschungsaussagen kann man voll zustimmen, man mag den ein oder anderen in seiner Dauerpräsenz als arrogant und/oder machistisch empfinden, doch wo gibt es heute noch solche Männer?
Eines nämlich kann man ihnen nicht vorwerfen, dass sie sich den vorteilhaften Fernsehbildern unterordnen würden, den Tagesmeinungen, dem Populismus oder den Stimmungen. Ich spreche von Männern wie Helmut Schmidt (*1918) und Fritz Stern (*1926), gestern im rbb zu Gast bei Beckmann, seit langem mal wieder eine sehenswerte Talkshow, in der es um Haltung, Geschichtswissen und Ehrlichkeit ging, nicht um’s Rauchen (hier wird stattdessen gehandelt) – und nicht zuletzt sogar um Poesie.
Helmut Schmidt im Rollstuhl, doch was für ein Mensch. Wir sollten wie in primordialen Gesellschaften wieder einen Altenrat einführen. Ich meine Männer wie Helmut Schmidt, Claude Lévi-Strauss (*1908, leider kürzlich in hohem Alter verstorben), Peter Scholl-Latour (*1924). Ja, man mag Helmut Schmidt seine RAF-Entscheidungen vorwerfen oder den NATO-Doppelbeschluss oder Peter Scholl-Latour seine Selbstgefälligkeit, doch sie beweisen Haltung, einen Wert, der in unserer Zeit kaum noch anzutreffen ist.
Diese Männer machen sich ihre Entscheidungen selbst nicht leicht, sie haben ein Gewissen, mit dem sie hadern, eine Ethik und Moral, die den Menschen mit all seinen Träumen und all seinen Schwächen in den Mittelpunkt stellt. Sie studieren ihren Gegenstand lange, setzen sich mit seiner Geschichte und seinen komplexen Implikationen auseinander, bevor sie sich eine Meinung bilden, und hören sich auch die andere Seite an, unabhängig davon, ob sie sich mit Gesellschaftsstrukturen in abgelegenen Weltregionen, mit Stammeskonflikten oder deutscher Politik beschäftigen. Audiatur et altera pars, dies gilt für Hartz IV genauso wie für Afghanistan, für Jugendstraftäter ebenso wie für Russland, China oder für den Iran. Jede Demokratie hat die Politiker, die sie verdient? Nein, wo keine Wahl ist, ist keine Wahl.
Am Ende des neuen Buches Unser Jahrhundert von Helmut Schmidt und Fritz Stern, das Anlass zu dieser Sendung gab, wird die letzte Strophe des berühmten Gedichts Stopping By Woods on a Snowy Evening des amerikanischen Dichters Robert Frost (1874-1963) als Lebensmotto zitiert:
The woods are lovely, dark and deep.
But I have promises to keep,
And miles to go before I sleep,
And miles to go before I sleep.
Auch zwei andere Frost-Zitate beschreiben gut die Haltung, die ich meine: “Toleranz ist das unbehagliche Gefühl, der Andere könnte am Ende doch recht haben.” und “Bildung ist die Fähigkeit, fast alles anhören zu können, ohne die Ruhe zu verlieren oder das Selbstvertrauen.”
Helmut Schmidt, bitte gehen Sie und Ihresgleichen noch viele Meilen mit uns.